Foto: Anna Leippe

Aktuelle Nachrichten aus der Landesfilmsammlung

Kino, Karussell, Schießbude … Josef Mayer, Kinopionier

Kinofamilie Mayer

Im Dezember 1908 heißt es auch in Tübingen „Film ab“. Josef Mayer eröffnet das erste Lichtspieltheater am Neckartor – das Metropol. Als „belehrendes Institut“ mit Sehenswürdigkeiten ersten Ranges wirbt eine Annonce im Tagblatt um Zuschauer. Das Kinoprogramm besteht aus Dokumentaraufnahmen aktueller Ereignisse, aus Humoresken und Tragödien. Schon bald dreht Josef Mayer mit eigener Kamera. Unmittelbar, ohne Scheu und voll Enthusiasmus filmt er Lokales, Alltägliches und Außergewöhnliches. Die kurzen Filme sind populär, sie treffen den Publikumsgeschmack - hundert Jahre vor Youtube.

Badende Zirkuselefanten im Neckar im Sommer 1910 – ein exotisches Bild, das die Bürger staunen lässt. Die Universitätsstadt zählt damals knapp 20.000 Einwohner und begrüßt feierlich ihren 2000. Studenten Josef Mayer filmt Tübingen und die Tübinger – er stellt die Kamera bevorzugt dort auf, wo viele Menschen unterwegs sind: bei Festen, Umzügen, auf dem Wochenmarkt. Den bei diesen Gelegenheiten aufgenommenen Menschen ist die Präsenz der Kamera sehr wohl bewusst, sie winken und lachen in die Kamera und vor allem die Kinder versuchen, mehrmals an der Kamera vorbeizumarschieren. Später freut sich das Publikum, ein lebendes Porträt von sich selbst auf der Leinwand zu sehen. Typische Beispiele für dieses Sehen und Gesehen werden sind Mayers Aufnahmen von den Umzügen der Medizinstudenten in den Jahren 1910 bis 1912, der Festumzug zum 30. Liederfest des Schwäbischen Sängerbundes (1913) oder die 450-Jahrfeier der Universität Tübingen (1927). Als besondere Attraktion gelten Mayers Originaldokumente einmaliger Ereignisse: in Stuttgart unternimmt das württembergische Königspaar eine Wagenrundfahrt anlässlich seines 25-jährigen Ehejubiläums (8. April 1911), in Bebenhausen empfängt König Wilhelm II. auf seinem Jagdschloss Touristen und Gäste (14. Juni 1911); in Tübingen veranstaltet der Deutsche Schwimmverband ein Synchronschwimmen im Neckar (6. Juli 1913).

Erst 2012 werden diese Filme wiederentdeckt, digitalisiert und für das Stadtporträt „Tübingen - Der Film. Die Geschichte.“(2012) ausgewertet. Die Suche nach Spuren des filmbegeisterten Kinounternehmers Josef Mayer führt zurück in die Anfänge des Kinos im Königreich Württemberg und die Frühzeit der Kinematographie. Sie führt zur Entdeckung einer Persönlichkeit, die mit Phantasie und Kapital die Filmkultur in unserem Land mitgeprägt hat - ein erfolgreicher Schwabe, begabt mit dem Blick für den Markt und dem Gespür für technologische Veränderungen.

Etagenkarussel

Josef Mayer wurde am 27. Juli 1862 in Schwäbisch Hall geboren, die Kinder- und Jugendjahre verbrachte er in Kirchheim unter Teck. 1886 Heirat mit Wilhelmine Buhmann, einer Konditorstocher aus dem kurpfälzischen Ladenburg. Drei Jahre später verlässt Josef Mayer als „Karussell- und Schießbudenbesitzer im Umherziehen“ die Stadt. Mit einem schönen und überall beliebten Etagenkarussell „.. abends hochfein elektrisch beleuchtet!“ (Elektrizität ist Luxus pur) zieht die Schaustellerfamilie auf die Jahrmärkte und Volksfeste im In- und Ausland. Jahrelang reist sie von Stadt zu Stadt, bevorzugt Italien, wie die Geburtsurkunden der Kinder belegen. Insgesamt 13 Kinder werden geboren, u.a. in Savona, Pisa, Turin, Florenz, Mailand, von denen neun das Erwachsenenalter erreichen.

Kinofamilie Mayer

Als Sensation auf den Jahrmärkten jener Zeit taucht der Kinematograph auf, ein neues Medium, das den Zuschauern die ersten Filme als „lebende Photographien“ vorführt. Vorausschauend und Neuem gegenüber aufgeschlossen, wendet sich der Schausteller Josef Mayer der Kinematographie zu, wie die Lichtspielkunst damals bezeichnet wird. Um seinem Publikum die neuesten Attraktionen bieten zu können, kauft er einen Apparat und Filme .In Annoncen wirbt Mayer für sein Wanderkino „ Eigene große Maschine, elektrische Lichtanlage, wunderbare Beleuchtung. Die modernste großartige Schaustellung der Gegenwart. Jeden Tag Vorstellungen mit dem besten Apparat, dem Elektro-Biographen, stets abwechselndes Programm!“

1908 kommt zu einem wahren Gründungsboom ortsfester Kinos. In Tübingen eröffnet Josef Mayer das Lichtspieltheater Metropol. Er erkennt die zukunftsweisenden Möglichkeiten des Verleihsystems und nutzt die Vorteile, die die Firma Pathé mit dem Filmverleih anbietet. Von nun an ist es möglich, das Programm wöchentlich zu wechseln, ohne die Filme zu kaufen.

Neben dem stationären Kino in Tübingen betreibt Mayer weiterhin sein fahrendes Kino als „Erstklassiges der Neuzeit entsprechendes Etablissement mit eigener großer elektrischer Beleuchtung. Neues großes Elektroorchestrion aus Paris, 40 Mann ersetzend“. Der Wanderkinematograf mit sensationellen Neuheiten gastiert weiterhin auch in kleineren Städten, zwischen 30 und 60 Pfennig kostet die Eintrittskarte, eine Zensur findet noch nicht statt.

Das Kinoprogramm besteht aus mehreren kurzen Stummfilmen: Naturaufnahmen, Klamauk, Katastrophen, die dem Filmbesucher eine völlig neue Welt erschließen. Entsprechend anerkennend urteilt auch die Zeitung: „Die Vorstellungen des Kinematographen können durchweg als wohlgelungen bezeichnet werden. Die Bilder sind teils belehrender teils humoristischer Art“.

Das Kinogeschäft ist als Familienbetrieb organisiert, in den die beiden ältesten Söhne Rico und Pepino voll integriert sind. Der Filmvorführer muss den Filmstreifen anfangs von Hand an der elektrischen Lichtquelle vorbeikurbeln. Er spricht auch die vom Verleih mitgelieferten Texte. Für musikalische Untermalung sorgt ein elektrisch betriebenes Orchestrion, später ein Pianist. Zu besonderen Anlässen spielt ein kleines Ensemble live.

Der Erfolg des Tübinger Metropoltheaters veranlasst Josef Mayer zur Gründung eines weiteren Kinos. In seiner Heimatstadt Kirchheim unter Teck eröffnet im April 1911 das Lichtbild-Theater in zentraler Lage im umgebauten Haus des Konditors Schmid an der Marktstraße. In der aufstrebenden Industriestadt leben knapp 10.000 Menschen, zu deren Freizeitvergnügen auch der Filmkonsum gehört. Der Kinosaal hat 200 Sitzplätze, ist hoch und geräumig und mit elektrischen Ventilatoren ausgestattet. Eine „Bildungsstätte für weite Kreise“ schreibt der Teckbote.

Exotische Ferne und vertraute Nähe – für einen Besuch seiner Kinos wirbt Mayer in Zeitungsannoncen mit eigenen Filmaufnahmen. Zwischen 1910 und 1930 dreht er Ereignisse, Umzüge, technische Neuheiten und Unglücksfälle . Viele dieser Lokalaufnahmen sind leider unwiederbringlich verloren, nur zwanzig Sujets sind überliefert, darunter auch einige Privataufnahmen, die in der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg archiviert sind. Sie gehören zu den wenigen Filmschätzen, die aus der Kaiserzeit erhalten sind.

In den 1920er Jahren übernimmt Pepino Mayer das Lichtspielhaus in Kirchheim unter Teck. Josef Mayer eröffnet gemeinsam mit seinem ältesten Sohn Rico in Tübingen weitere Kinos: 1927 die Hirsch-Lichtspiele (das Kino am Neckartor schließt im selben Jahr) und 1933 das Kino Museum.

Am 1. März 1935 stirbt Josef Mayer. In einem Nachruf würdigt das Tübinger Tagblatt das Lebenswerk des Filmtheaterbesitzers und seine Verdienste um „die mit neuzeitlicher Technik vervollkommnete Entwicklung der Lichtspielkunst, zu der er das Tor in unserer Stadt aufgeschlossen, die heute eine ungeahnte Volkstümlichkeit erlangt, zum Gemeingut Aller geworden ist.“

(Anita Bindner)

Joomla templates www.joomlashine.com