Foto: Anna Leippe

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Der älteste Fußballfilm Deutschlands

Bildhinweis: Szene aus »Karlsruhe. Der Film. Die Geschichte« © HDFFür ein dokumentarisches Städteporträt über Karlsruhe im 20. Jahrhundert hat die Stuttgarter Filmautorin Anita Bindner vom Haus des Dokumentarfilms viele seltene historische Aufnahmen zusammengetragen - darunter auch eine echte Sensation: die älteste erhaltene Aufzeichnung eines Fußballspiels. Allein die Geschichte dieses Fundstücks wäre einen eigenen Film wert gewesen. Die Filmautorin stellt in unserem Videobeitrag das historische Dokument vor.

Nicht München, nicht Dortmund, nicht Stuttgart, sondern Karlsruhe ist am 1. Mai 1910 so etwas wie der Nabel der Welt. Einer Welt die sich um den Ball aus Leder dreht. Noch wird „Stauchball“ hie und da als „Fusslümmelei“ verhohnepipelt, aber in Karlsruhe schert das an diesem herrlichen Sonntag niemanden.

Unzählige Menschen haben sich auf den Weg gemacht, um im schmucken Stadion gegenüber der Telegrafenkaserne das „Wettspiel“ zweier erstklassiger Mannschaften zu sehen. Das vor knapp fünf Jahren mit 4000 Stehplätzen eröffnete Stadion des 1. Karlsruher Fußballvereins wird an diesem Tag weit über seine Kapazität hinaus besetzt sein. Eng an eng stehen die Zuschauer in dichten Reihen entlang des Spielfeldrandes und auch aus den umliegenden Gebäuden lehnen sich noch Zaungäste, um einen Blick zu erhaschen. Karlsruhe ist in diesen Tagen eine Fußballhochburg. Im Jahr zuvor hat die deutsche Nationalmannschaft hier beim 1:0 über die Schweiz ihren historisch ersten Sieg gefeiert. Der K.F.C. Phönix ist amtierender Deutscher Meister. Selbst Prinz Max von Baden ist von der „englischen Krankheit“ befallen, allerdings ist er eher dem Lokalrivalen Karlsruher Fußball-Verein zugetan. Beide Vereine treffen an diesem Sonntag auf einander. Der Grasboden des Stadions ist bereitet für eine historische Stunde, die über Baden hinaus wirken wird.

Mehr als ein Jahrhundert später muss Anita Bindner lächeln, wenn sie von diesem Spiel spricht. Die Autorin zahlreicher Filmporträts von Städten aus Baden-Württemberg interessiert sich privat selbst für Fußball. Als ihr bei den Recherchen zu „Karlsruhe. Der Film. Die Geschichte.“, der am 18. November erscheinen wird, beim Stadtarchiv Karlsruhe von einem selten, lange verschollenen Fußballfilm berichtet wurde, war für sie klar: diese Aufnahme muss aufgetrieben werden. Doch dann war die Überraschung groß: „Anscheinend war damals gar nicht so wichtig, wie das Spiel ausging und wie die Tore fielen“, sagt die Filmautorin. „Es wurde dokumentiert, dass Fußball gespielt wurde, einen Sportbericht wie heute gab es damals noch nicht“, so die langjährige Archivarin des Hauses des Dokumentarfilms, die schon viele Filmschätze aus dem Südwesten Deutschlands gehoben hat.

Und in der Tat: Der etwa drei Minuten lange Film zeigt den Blick aus einer starren Kamera, aufgenommen auf Höhe des Strafraumes. Zu sehen sind in erstaunlich guter Optik etliche Flanken- und Eckbälle und auch einige durchaus modern anmutende Tacklings. Die Spieler tragen langarmige Shirts und Dreiviertelhosen - ein wenig Gentleman sollen die Fußlümmel auch im Staub des trockenen Karlsruher Rasens bleiben. Doch Tore - immerhin fielen drei - bekommen die Zuschauer nicht zu sehen.

Wie der Film nun wieder nach Karlsruhe kam, ist erzählenswert, denn zwischenzeitlich hat er eine Reise durch halb Europa hinter sich. Der von einer Freiburger Kinogesellschaft gedrehte 35-Millimeter-Film wurde damals im Kino gezeigt - das war 1910 aber oft auch noch eine Varieté- und Kirbe-Attraktion des „fahrenden Volkes“. Auf diesem Weg muss eine Kopie zu dem Schweizer Geistlichen Abbé Joseph Joye gelangt sein. Er führte solche Filme in seiner Sonntagsschule vor – badischer Fußball im modernen Medium Film als Beweis für die Herrlichkeit der Welt. Himmlisches Wohlfallen also für einen überaus weltlichen Kick. Der Abbé war ein engagierter Sammler: Als er 1919 im Alter von 67 Jahren starb, hinterließ er 2000 Filme. In den 70er Jahren gelangte der größte Teil dieser Sammlung nach England, wo er ins Archiv des British Film Institute integriert wurde. Und dann begann auch für den Karlsruher Fußballschatz, was für viele Dokumente aus vergangenen Tagen gilt: sie wurden archiviert und sind doch vergessen.

Erst in den letzten Jahren haben einige fachkundige Fußballrechercheure den Film wieder entdeckt. Den Weg zurück hat der Film in Minuten genommen: 2,6 Gigabyte kamen dank einem digitalen Steilpass aus England direkt auf Anita Bindners Festplatte. Erstmals wird diese Filmreise direkt nun der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt werden: Ende Oktober bei einem Abend des Stadtarchivs und dann auf der wenig später erscheinenden DVD. Die erzählt noch viele weitere filmische Anekdoten, Histörchen und das Gedeihen der Stadt von damals bis heute in bewegten und bewegenden Bildern.

Wer es genau wissen will, bekommt im Film endlich auch das Ergebnis des Wettspiels vom 1. Mai 1910 nachgereicht: Meister Phönix wurde 1:2 geschlagen, schied damit aus und wenig später holte sich der KFV in Köln sogar den Titel. Das hat bis heute keine zweite deutsche Stadt geschafft: zwei Meister in zwei Spielzeiten hintereinander. Und beim Blick auf den aktuellen Tabellenstand des KSC, der aus dem KFC Phönix hervorging, ist die Prognose kaum verwegen: auch Karlsruher Kickern wird dies wohl nicht so schnell wieder gelingen. Wenn man einen Gradmesser für historische Ereignisse sucht - hier hat man also einen gefunden.

(Thomas Schneider)

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