Foto: Anna Leippe

Aktuelle Nachrichten aus der Landesfilmsammlung

Warum Reiner Ziegler gerne mit Amateuren arbeitet

Reiner ZieglerWäre Reiner Ziegler Fußballtrainer, dann würde er wahrscheinlich am liebsten Spieler trainieren, die zwar nicht von ihrem Sport leben, die aber dafür mit großer Freude, stetem Einsatz und erstaunlichem Durchhaltevermögen zur Sache gehen. Doch Reiner Ziegler ist als wissenschaftlicher Dokumentar und Leiter der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg im HAUS DES DOKUMENTARFILMS beschäftigt. Seiner liebevollen Verehrung für die Arbeiten von Amateuren tut das keinen Abbruch.

Ganz im Gegenteil. Es ist Zieglers tägliches Geschäft, sich mit jenen Filmen zu befassen, die eigentlich nur für den Privatgebrauch gedacht waren. In der Landesfilmsammlung sind heute schon über 7000 solcher Filme für die Zukunft archiviert. Wir stellen Ihnen hier die Arbeit von Reiner Ziegler vor und warum er immer wieder den Satz sagen darf: »Das interessiert noch viele«.

»Wir haben primär einen Sammelauftrag, den das Landesarchivgesetz vorgibt«, erklärt Ziegler das berufliche Interesse an Hochzeitsfilmen, an Urlaubserinnerungen, an schlichtweg fast allem, was Baden-Württemberger in den letzten hundert Jahren auf 35, 16, Normal 8 oder Super 8 Millimeter festgehalten haben. Doch auch Alltagsgeschichte kann zu einem »Filmschatz« werden. So wie die Aufnahmen aus dem Sudetenland, die Ziegler gerade sichtet und bearbeitet. »Das gibt es in noch keinem Archiv«, ist er sich sicher und will diese Filme in die Sammlung des Hause integrieren.

Wie auch in diesem Fall bekommt er anfangs oft den gleichen Satz zu hören: »Das interessiert doch keinen mehr!« Doch diese Einschätzung ist mitunter ein großer Irrtum. »Sehr häufig«, erzählt Reiner Ziegler, »wird Filmmaterial von Enkeln oder Urenkeln eines längst verstorbenen Hobbyfilmers auf dem Dachboden gefunden. Oftmals können diese das Material gar nicht mehr sichten, weil sie die Projektoren dafür nicht mehr haben.« Genau für solche Fälle hält die Landesfilmsammlung im HAUS DES DOKUMENTARFILMS (in Stuttgart in der Mörikestraße 19) eine erstaunlich große Anzahl von Abspielgeräten der verschiedensten Arten bereit. Die Filme werden von Ziegler und seinen Kolleginnen gesichtet und bewertet. Sie wissen meist sofort, ob die alten Filme einen besonderen Wert haben, der über das bloße familiäre Erinnern hinaus geht. Rund 600 Filme habe er im Kopf parat, sagt Ziegler. Eine moderne Datenbank hilft beim Erinnern: In Sekundenschnelle listet sie auf, aus welcher Zeit und aus welcher Region des Landes es vielleicht schon ähnliche Filme gibt. Die älteste Aufnahme stammt aus dem Jahre 1904 und zeigt den Schlossplatz der heutigen Landeshauptstadt Stuttgart.

Vieles, was die Landesfilmsammlung archiviert, wird übrigens ständig daraufhin gesichtet, ob man es nicht neu verwerten könnte. Denn die alten Filme sollen nicht im Archiv verstauben. In Kompilationsfilmen wie »Stuttgart. Der Film. Die Geschichte.« und anderen können sie eingesetzt werden. Aber auch TV-Sender aus dem In- und Ausland fragen permanent nach, ob es für ihre Geschichtsdokus nicht interessantes Quellmaterial gibt. »Derzeit wird enorm viel zum Ersten Weltkrieg gesucht«, berichtet Ziegler. So genügt mancher Amateurfilm eben doch professionellen Ansprüchen.

(Thomas Schneider)

Der Arbeitsplatz von Reiner ZieglerArtikel aus DokHausinfo #2, Oktober 2012

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